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Orkus Musikmagazin 06/2000



Die Liebe ist die größte Kraft
"Liebe sei vor allen Dingen unser Thema, wenn wir singen", erkannte bereits unser viel zitierter Geheimrat von Goethe. Schon jeher war die Liebe - neben dem Tod - das bedeutsamste Motiv in der Kunst. Besonders in der Musik werden glücklichen oder unglücklichen Herzensdingen nur allzu oft die passenden Töne zugedacht. So darf es kaum erstaunen, dass auch die "Seelen-Elektroniker" von In Strict Confidence auf ihrem neuen Album (Veröffentlichungstermin 26. Juni) der Liebe huldigen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, trägt die Platte doch den Titel "Love Kills". Gleich zu Beginn des folgenden Interviews klärt uns Dennis Ostermann, seines Zeichens Sänger bei In Strict Confidence, also über die tödliche Kraft der Liebe auf...
Dennis Ostermann: Der Albumtitel spiegelt die Kraft der Liebe wider. "Die Liebe ist die größte Kraft, die alles schafft", das wissen wir schließlich nicht erst seit Laibach. Wobei "... Kills" nicht unbedingt auf das Töten bezogen ist, sondern vielmehr stellvertretend für die extremste Form einer Tat steht. "Love Kills" ist also durchaus eine Art Konzeptalbum, das sich mit der Liebe beschäftigt. Jene ist es, die oftmals in unserer Gesellschaft unterschätzt wird. Welches andere Element vermag es schon, solch einen Einfluss auf uns Menschen zu nehmen? Wir sollten uns dessen viel stärker bewusst werden...
Orkus: Einer der Titel des neuen Albums, der sofort ins Ohr geht, ist "Zauberschloß", mit dem Untertitel "Tausend Jahre sind ein Tag". Was würde für dich am ehesten der Vorstellung von einem Zauberschloss entsprechen?
DO: Auf jeden Fall sollte es nicht zu groß sein - aber verwinkelt, und auf jeden Fall viele Türme haben. Ein Wassergraben mit Zugbrücke wäre auch schön... Und wenn ich noch einen Wunsch frei hätte, natürlich die passende Prinzessin.
O: Sind tausend Jahre für dich ein Tag, wenn du verliebt bist?
DO: Das kommt darauf an, ob glücklich oder unglücklich. Wenn unglücklich, entspricht ein Tag wohl eher tausend Jahren...
O: Wie bereits von dir ausgeführt, ist das Thema Liebe auf dem Album omnipräsent. Bist du im Moment glücklich oder unglücklich verliebt oder zehrst du aus Erinnerungen und Träumen?
DO: Erinnerungen, Träume, Ängste, Hoffnungen sowie Fantasien wurden verarbeitet. Kaum ein anderes Thema außer der Liebe birgt so vieles in sich.
O: Glaubst du daran, dass es DIE Liebe des Lebens gibt? Oder eher daran, dass es viele verschiedene Deckelchen auf das Töpfchen gibt?
DO: Es gibt DIE Liebe immer wieder im Leben. Bei jedem neuen Partner war ich mir bisher sicher, es sei DIE Liebe des Lebens, sie war es auch immer, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit. Ich bin mir mittlerweile darüber im Klaren, dass Lieben kommen und gehen können. Für mich kommen ernsthafte Beziehungen jedoch nur in Frage, wenn ich mir vorstellen kann, mit dem Partner bis ans Ende des Lebens zusammensein zu wollen. Eine Beziehung zu beginnen, um nur eine gewisse Zeit zu überbrücken, und sich dessen auch bewusst zu sein, macht keinen Sinn. Auch wenn ich mir trotz der Sicherheit in diesem Moment, ewig zusammenzubleiben, bewusst bin, dass es anders kommen kann.
O: Einige eurer Songtitel suggerieren die Flucht aus der Realität: "Zauberschloß" zum einen, ganz eindeutig aber auch "Heaven Is The Place To Be" sowie "Stern" oder "Spread Your Wings"... Du bist eigentlich ein recht fröhlicher Zeitgenosse, was hat es also damit auf sich?
DO: Die Titel sollten schon etwas Verzauberndes, Fantasievolles haben. Außerdem tragen ja auch genau die von dir hier aufgeführten etwas sehr Hoffnungsvolles in sich, so dass der "Fröhlichkeit" nicht zwingend widersprochen wird. Ich habe aber zu der genannten sicherlich noch einige andere, weniger angenehme Eigenschaften.
O: Ist für dich beispielsweise "Heaven The Place To Be" aus einer Art Todessehnsucht heraus entstanden oder vielmehr aus romantischer Verklärtheit?
DO: Zweiteres. Wir sind noch nicht scharf darauf, diesen Planeten zu verlassen, es sei denn, um auf einem anderen Stern zu landen.
O: Ein sehr ohrenscheinliches Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zu früheren In Strict Confidence-Platten ist der stellenweise dominante Frauengesang. Wer ist die Sängerin und wie habt ihr zueinander gefunden?
DO: Auf dem Album werden wohl zwei Titel mit Frauengesang zu finden sein, plus "Love Will Never Be The Same" auf der Maxi-Auskopplung "Kiss Your Shadow". Ich lernte Nadine auf einem unserer Konzerte kennen, allerdings ohne dass damals schon das Gespräch darauf gekommen wäre, dass sie klassischen, Gesangsunterricht nimmt. Durch Zufall hörte ich wenige Tage später, dass sie in einem Studio bei unserem damaligen Plattenlabel einen Titel einsang. So kam es dann unweigerlich auch zu unserer Zusammenarbeit, da ich seit langem auf der Suche nach der passenden Frauenstimme war und sie zudem eine große Anhängerin unserer Musik ist.
O: Warum habt ihr euch entschlossen, dem Frauengesang eine derart tragende Rolle einzuräumen?
DO: So groß ist die Rolle ja nicht. Wie gesagt, bisher drei Titel. Mit weiblichem Gesang zu arbeiten, war eine neue Herausforderung, mit deren Resultat wir sehr glücklich sind. Die Frauenstimme gibt einem Titel eine komplett neue Atmosphäre, die vorher nicht abzusehen oder geplant war.
O: Außerdem habt ihr beim neuen Album geschickt Gitarrensounds platziert. Hättet ihr diese Effekte nicht auch mit - für euren musikalischen Bereich - typischeren Mitteln erreichen können?
DO: Das haben wir doch, mehr oder weniger. Wir setzten eben die Gitarre so ein, dass sie genau klingt, als hätten wir "die für unseren musikalischen Bereich typischeren Mittel" eingesetzt. Wichtig war uns, die Gitarre so dezent wie möglich und doch effektiv einzusetzen, um stellenweise den Sound als Effekt oder zusätzliches "Druckmittel" zu verwenden. Vielen wird die Gitarre als solche gar nicht bewusst werden, zumal sie nur in zwei bis drei wenigen Stücken und dort, wie gesagt, äußerst minimal eingesetzt wurde.
O: Die Gitarren erinnern mich an etwas, das du mir einmal erzählt hast, und zwar, dass du manchmal viel lieber Gitarrenmusik à la Clawfinger machen würdest. Erinnerst du dich? Trifft das noch immer zu?
DO: Ich bin seit langem Gitarren nicht grundsätzlich abgeneigt und selbst bekennender Fan von beispielsweise Clawfinger, die mich mit ihrer eigenen Rhythmik und dem prägnanten Gesangsstil immer sehr fasziniert haben. Dass wir jedoch nicht nach einer Gitarrenband klingen, liegt sicherlich daran, dass unsere Wurzeln ganz klar im elektronischen Bereich zu finden sind und wir außerdem des Gitarrespielens auch kaum mächtig sind. Mit elektronischer Musik sind wir in den Achtzigern groß geworden; ihre Vielfalt an Soundmöglichkeiten zogen wir von jeher vor. Außerdem bietet sie ein recht unabhängiges Arbeiten, ohne sich mit zusätzlichen Musikern auseinandersetzen zu müssen, so etwas kann nämlich gerade am Anfang sehr hinderlich sein. Mittlerweile sehen wir uns schon noch dieser Herausforderung gewachsen, weitere Menschen miteinzubeziehen. Wie beispielsweise Live-Musiker, Live-Drummer und zusätzliche Keyboarder, sprich Marco und Daniel, oder eben im Studio Nadine als Sängerin oder Heiko als Gitarrist plus die Produzenten.
O: Erzähl mal ein bisschen darüber, wie ihr eure Songs schreibt... Entsteht die Musik zuerst, dann der Text oder umgekehrt...?
DO: Als Erstes natürlich die Musik. Man fängt mit einer kleinen Grundidee an, auf die aufgebaut wird. Die ursprüngliche Idee kann sehr gering und eventuell im endgültigen Song auch gar nicht mehr vorhanden sein. Oft zieht sich das Arbeiten an einem Song über mehrere Monate hin, da die Arbeiten häufig unterbrochen werden und man sich erst lange Zeit später wieder mit ihnen beschäftigt, somit aber auch neue Ideen einbringen kann, die einem beim ersten "Entwurf" einfach fehlten. Beim Komponieren hat man dann eventuell schon die ersten Textideen.
O: Wie genau geht ihr da zur Sache? Kommt einer mit der Idee, der andere springt auf, und ihr bastelt beide daran weiter, oder kombiniert einer von euch den Song vom Grundgerüst bis zu den Arrangements - früher wohl auch bis zum Endmix - durch?
DO: Wir können sehr gut getrennt voneinander arbeiten, da wir mit den Geräten relativ unabhängig sind. Zum Ende des Songs werden dann eventuelle Ideen des anderen noch miteinbezogen, und man macht sich an die eigentliche Produktion und beginnt mit den Texteinlagen.
O: Ihr habt erstmalig in der Geschichte von In Strict Confidence mit Produzenten gearbeitet, und zwar keinen Geringeren als Bruno Kramm und Olaf Wollschläger. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit, wie zur eigentlichen Umsetzung?
DO: Unsere eigenen Möglichkeiten waren bis vor einiger Zeit doch etwas dürftig. Das lag unter anderem an der eingeschränkten Location beziehungsweise der fehlenden Ausrüstung für eine Produktion, in der wir unsere Vorstellungen umsetzen könnten. Die Arbeit mit einem Co-Produzenten erwies sich als sehr hilfreich, da ein objektives Ohr an bestimmten Stellen Dinge einbringen kann, auf die man selbst nicht gekommen wäre.
O: Wie darf man sich unter diesen für In Strict Confidence neuartigen Umständen die Arbeit im Studio vorstellen?
DO: Je nachdem, der größte Teil wurde ja doch selbst produziert. Man bereitet die Stücke so weit wie möglich vor und fügt dann zusätzliche Elemente wie den Gesang ein: danach erscheint der Song oft schon wie ein ganz anderer, so dass man möglicherweise noch Veränderungen am Arrangement vornimmt. In den beiden "Fremd-Studios" wurde genau dieses gemacht - ich brächte sozusagen die vorproduzierte Fassung des Stücks mit, bei der auch schon der Gesang aufgenommen war, und dann ging es ans Mixen.
O: Kam von Olaf und Bruno auch bezüglich der Songs selber einiges an Ideen und Input? Wie gefallen ihnen eure neuen Songs?
DO: Natürlich muss der Produzent mit deiner Musik etwas anfangen können, sonst hätte die Zusammenarbeit keinen Sinn. Sowohl Olaf als auch Bruno sind sehr erfahrene Macher mit ebendiesem objektiven Zugang, und an der einen oder anderen Stelle gelang es ihnen, die Quintessenz noch hervorzuheben, die im Song zwar vorhanden, jedoch zu versteckt gehalten war. Da beide auch Musiker im klassischen Sinne sind, kennen sie die grundlegenden musikalischen Regeln, die man anwenden kann, wenn es zu Unsicherheiten kommt. Man schnappt auch sehr viel an neuen Ideen und Grundlagen in Sachen Studioarbeit dabei auf.
O: Mal wieder etwas anderes: Du hast mir mal erzählt, du magst Städte nicht, bist eher ein ländlicher Mensch. Dennoch ist die Ausrichtung, die man eure Musik zuordnen würde, ein sehr urbaner, moderner Stil. Würdest du dich (vielleicht auch die Band insgesamt) eher als altmodische, vielleicht etwas nostalgische Band bezeichnen - gerade im Hinblick auf die Themen der Songs? Oder seid ihr eher moderne Typen - so wie es euer Musikstil andeutet?
DO: Ich halte mich relativ oft in Städten auf, da ich sehr viel unterwegs bin. Für diese kurze Zeit ist das auch immer sehr schön, allerdings bin ich froh, wenn ich wieder zu Hause bin und die relative Stille genießen kann, bis der Stress wieder ausbricht. Wir sehen uns durchaus als sehr modern an, mit Blick in die Zukunft und offen für neue Herausforderungen.
O: Meine nächste Frage stellt sich aufgrund deiner sehr bildhaft gewordenen Lyrics - sprich, in den Texten strengst du Metaphern an, die dem Geschmack eines Großteils des Gothic-Publikums entsprechen könnten. Wollt ihr folglich mit dem Album ein eher "schwärzeres" Publikum ansprechen?
DO: Unsere Texte sind seit jeher bildhaft, so dass automatisch vielleicht ein "schwärzeres" Publikum angesprochen wird, das sehen wir an den Reaktionen, die uns erreichen. Ein sehr großer Teil unserer Hörer setzt sich aus Menschen zusammen, die lyrisch interessiert sind, und Lyrik war schon immer ein großer Schwerpunkt in unserer Musik. Das liegt alleine an der Tatsache, dass das Gothic-Publikum viel mehr an Lyrik interessiert und von ebendieser auch geprägt ist, als beispielsweise das EBM-Publikum, bei dem die Schwerpunkte anderswo liegen. Allein die Textzeile "Jesus Christus legt dir Flügel zu Füßen" im Titel "Become An Angel" sorgte seinerzeit dafür, dass dieser Titel schnell Gehör fand und sich bei den Leuten einprägte.
O: Zwar haben wir nun schon zur Genüge über die Texte gesprochen, nicht jedoch über die Tatsache, dass es auf dem Album mehr deutsche Texte gibt als früher. Warum?
DO: Schön, dass die Frage auf diese Weise kommt und nicht platt: warum singt ihr so viel auf Deutsch? Ich bin es nämlich leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, Titel in deutscher Sprache zu schreiben. Es ist pervers, dass deutsche Bands sich rechtfertigen müssen, in ihrer eigenen Sprache zu singen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Depeche Mode jemals die Frage gestellt wurde, warum sie Englisch singen. Einige der Texte habe ich zusammen mit Edgar von Melotron geschrieben, der uns auf der USA-Tournee als Live-Musiker unterstützte. Er hat eine fantastische Art zu schreiben und half mir oft bei Texten, mit denen ich mich in einer Sackgasse befand.
O: Wie würdet ihr euch als Band einordnen, hinsichtlich sämtlicher Schubladen, Kategorien, etcetera...?
DO: Wir haben uns niemals in Kategorien eingeordnet - ich bin ein Mensch, der ungern gewisse Dinge definiert, da eine Definition immer be- und einschränkt. Wir machen elektronische Musik mit Seele.
O: Die Songs auf dem Album sind allesamt sehr abwechslungsreich. Von guten Tanztempostücken ("Zauberschloß", "Kiss Your Shadow"), über eher experimentell anmutende Drum‘n‘Bass-Songs ("Spread Your Wings") bis hin zu fast balladesken Stücken ("Stern") ist alles vertreten. Bewusst?
DO: Natürlich bewusst. Nichts ist langweiliger, als zehn Stücke auf einem Album zu haben, die sich gegenseitig kopieren. Ein Album muss ein Hörerlebnis sein, das die verschiedensten Gefühle hervorruft und im Gesamten schlüssig ist.
O: Worum handelt es sich übrigens bei den Samples im Stück "Spread Your Wings" - (Part I und Part II)?
DO: Dieser Titel war eine echte Herausforderung. Eine Art multikulturelles Projekt mit Menschen aus den verschiedensten Ländern. Ich ließ mir von Leuten jeweils den gleichen Satz in ihrer eigenen Landessprache als Sample sprechen und zusenden. Diese Aufnahmen wurden dann in einem Song, der auf dem Album in zwei Teilen zu hören sein wird, verarbeitet. Part III davon ist bereits in Planung. Ich bin auf der Suche nach Sprachen, die bisher nicht verwendet wurden.. Der Satz lautet: "Wir sind Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, müssen wir uns umarmen" und stammt von dem italienischen Schriftsteller Luciano de Crescendo. Durch diesen weltweiten Zusammenschluss aus unter anderem Japan, Russland, Brasilien etc. bekommt der Song, und vor allem die eigentliche Message dahinter, erst eine richtige Tiefe.
O: Was war für dich - abgesehen von der Reunion von A-ha und der Arbeit an der neuen In Strict Confidence-Platte, das bedeutsamste Ereignis im noch jungen, aktuellen Jahr?
DO: Die Hoffnung auf das, was noch kommen kann.
O: Was ist das unerfreulichste?
DO: Die Angst vor dem, was noch kommen kann.
O: Was ist für dich der erfreulichste Aspekt am Musiker-Dasein?
DO: Mit Musik etwas ganz Eigenes zu schaffen, das einem nicht genommen werden kann, und dass man viele Leute damit in gewisser Weise begeistern und verzaubern kann.
O: Zum Schluss noch ein paar Worte ans Morgengrauen?
DO: Ans Morgengrauen? Ausschlafen ist mir heilig. Ich kann ein richtiger Morgenmuffel sein, so sehr, dass sich sogar jenes Morgengrauen vor mir graut...
Anja Lochner (2000)
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